zur Startseite Nassauischer Verein für Naturkunde

+ Zurück +
Die Situation der Naturwissenschaftlichen Sammlung
des Museums Wiesbaden

Vortrag auf der 5. Internationalen Tagung der Fachsektion Geotopschutz der Deutschen Geologischen Gesellschaft "Geotopschutz im Ballungsgebiet" 16.-19. Mai 2001 in Krefeld

von
Hans-Jürgen Anderle, Wiesbaden

Die Naturwissenschaftlichen Sammlungen (NWS) des Museums Wiesbaden sind ein Beispiel dafür, dass hervorragendes Material brach liegt und nicht für Ausstellungen genutzt wird. Entsprechend dem heutigen Generalthema werde ich ihr Augenmerk vor allem auf den geowissenschaftlichen Sammlungsteil lenken.
Zunächst ein Blick zurück.

1 Gründung, Aufbau und Bestand
1829 rufen 141 Wiesbadener den Nassauischen Verein für Naturkunde (NVN) ins Leben mit dem Ziel, naturkundliche Sammlungen anzulegen. Grundstock dieser Sammlungen, die gleich auch in einem Museum ausgestellt werden, ist die Schenkung seiner Mineraliensammlung durch den Freiherrn vom Stein und die Überlassung seiner Sammlung aus Gemälden, Altertümern und naturkundlichen Objekten gegen eine Leibrente durch den Frankfurter Mäzen Johann Isaak von Gerning (durch Vermittlung Goethes). Der Verein hat 1842 bereits über 500 Mitglieder. Entsprechend rasch wachsen die Sammlungen. An führender Stelle beteiligt sind dabei die Geologen Fridolin Sandberger und Carl Koch.
1900 geht das Museum in den Besitz der Stadt Wiesbaden über, die noch am Beginn des 1. Weltkriegs durch den Architekten Theodor Fischer dafür einen Neubau für die drei Sparten Naturwissenschaften, Nassauische Altertümer und Kunst errichten lässt, in dem sich das Museum noch heute befindet. Die Eröffnung ist 1915.
1929 wird die Naturwissenschaftliche Schausammlung zum 100. Gründungstag neu präsentiert. Geologie, Paläontologie und Mineralogie befinden sich in repräsentativen Räumen im Hochparterre. Die regionale Geologie einschließlich der Großsäuger aus den Mosbacher Sanden in Wiesbaden ist im Eingangssaal, dem sogen. linken Steinsaal, ausgestellt. In einem Nebenraum befindet sich die Ausstellung zu den Wiesbadener Thermalquellen. Die Exponate zu Erdgeschichte / Paläontologie / Evolution sowie Mineralogie sind im sogen. roten Saal an der Rheinstraße zu sehen. Wissenschaftliche Sammlung und Schausammlung sind gemeinsam untergebracht; die wissenschaftliche Sammlung im verschließbaren Unterteil der Schränke, die Schausammlung in den aufgesetzten Vitrinen. Seitdem wurde keine grundsätzliche Modernisierung mehr vorgenommen.

[Abb. nach Folie 3: Sammlungsschrank der Mineralogie]

Im 2. Weltkrieg wurden die Ausstellungen zwar geschlossen und die Bestände ausgelagert, sie erlitten jedoch kaum Verluste. Nach dem Krieg wurden die Schausammlungen vom NVN wieder aufgestellt. Ab 1950 sind sie wieder vollständig zugänglich. Kurz danach endet die Zeit der ehrenamtlichen Leitung durch den Verein. Mittlerweile sind die NWS eines der 15 größten naturkundlichen Museen in Deutschland.
Der Gesamtbestand liegt heute bei rund 1 Million Stücken. Die Geowissenschaften besitzen rund 75.000 Stücke überwiegend regionaler Herkunft. Weltgeltung hat die NWS z.B. durch die Originale der Brüder Sandberger zur Fauna des rheinischen Devons und zur Tertiärfauna des Mainzer Beckens sowie die Originale in den Sammlungen der Moose und Flechten von Bayrhoffer, der Pilze von Fuckl und bei den Schmetterlingen. Die Herbarien mit rund 65.000 Stücken und die Insektensammlungen mit etwa zehnfachem Umfang sind wertvolles, noch unerschlossenes Material für die Biodiversitätsforschung.

2 Niedergang
1973 erfolgte eine Zäsur durch die Übergabe des Museums an das Land Hessen. Waren vorher die Abteilungen für Naturwissenschaften, Kunst und Altertümer (Archäologie) drei Museen mit je eigener Verwaltung und Haushalt unter einem Dach, so wird ab jetzt der Leiter der Kunstabteilung Direktor des gesamten Museums. In dieser Konstruktion gründet die spätere Fehlentwicklung.

[Abb. nach Folie 8: Steinsaal bis zur Räumung 1988/roter Saal heute]

1987 beginnt mit dem Amtsantritt des jetzigen Direktors der Niedergang der NWS. Die Ausstellungsfläche der Abteilung wird von 2350 auf 660 m2 reduziert, die ständige Ausstellung zu regionaler Geologie, Lagerstätten und Thermalquellen wird geräumt, das Aquarium demontiert, der Saal der einheimischen Tiere geschlossen. Arbeitsräume, Planstellen (darunter die Geologenstelle) und Gelder gehen an die Kunstabteilung. Seit 1991 ist die Stelle des Abteilungsleiters nicht besetzt. Es kommt sogar zum Verbot der Annahme von Schenkungen und von ehrenamtlicher Tätigkeit. Sonderausstellungen finden seit 1993 keine mehr statt und die Museumspädagogik kommt bis 1998 zum Erliegen.
In dieser Zeit werden aber für 10 Millionen Mark Kunstankäufe getätigt und die Kunstabteilung wird für 21 Millionen Mark renoviert.

3 Gegenaktionen und ihre Wirkung
1996 beginnen die öffentlichen Proteste des NVN, nachdem der Staatssekretär angekündigt hatte, es sei kein Platz mehr im Museum für die NWS. In der Öffentlichkeit war sehr geschickt die Meinung vom Platzmangel lanciert worden, die auch heute noch bei Journalisten, Politikern und einem Teil der Bürgerschaft anzutreffen ist. Im Angesicht des riesigen Hauses an der Ecke Friedrich-Ebert-Allee/Rheinstraße ist das kaum nachzuvollziehen. In Wirklichkeit werden jetzt einige Räume anders genutzt. Viele sind einfach nur verschlossen worden, stehen leer oder dienen als Depots für auswärtige Künstler.
Der NVN sammelt 5350 Unterschriften unter eine Petition an den hessischen Ministerpräsidenten zum Erhalt der NWS. Er bekommt jedoch weder vom Ministerpräsidenten, noch von der Ministerin einen Übergabetermin. Schließlich werden die Unterschriften an den Abteilungsleiter Kunst im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst übergeben. Zahlreiche Protestbriefe von namhaften naturwissenschaftlichen Organisationen aus Deutschland und dem Ausland, von Hochschulen, Vereinen und Einzelpersonen erreichen die Staatskanzlei. Eine Kommission aus Fachleuten unter der Leitung von Prof. Willi Ziegler, dem früheren Direktor des Natur-Museums und Forschungs-Instituts Senckenberg, legt dem Ministerium ein Konzept für eine kostenneutrale Neupräsentation der Schausammlungen vor. Die Kommission erhält jedoch keine offizielle Antwort. Erst ein offener Brief des NVN an die Ministerin führt zu der - irreführenden und unzutreffenden - Antwort, es fehle an Geld. Bis heute sind weit über 100 Zeitungsartikel und zahlreiche Leserbriefe zum Thema erschienen.
1999 ist die Kunde auch bis zum Hessischen Rechnungshof gedrungen. Seine Untersuchungen führen zu einem Verfahren der Staatsanwaltschaft gegen den Museumsdirektor wegen des Anfangsverdachts der Vorteilsnahme, Steuerhinterziehung u.a. in Zusammenhang mit Kunstankäufen. In dem Bericht des Rechnungshofs wird die Kritik des NVN an den Zuständen im Museum eindrucksvoll bestätigt.
2000 wird im Gefolge der nun verschärften Dienstaufsicht eine Präparatorenstelle wieder besetzt und es werden Sachmittel bewilligt. Die Zoologenstelle wird ausgeschrieben, das Verbot ehrenamtlicher Tätigkeit aufgehoben und zwei Halbtagskräfte werden zur Dokumentation der Sammlungen befristet eingestellt.
Naturkundliche Sonderausstellungen werden eingekauft. Die Ausstellung "Steine im Fluß" zieht in einem halben Jahr 28.000 Besucher an, etwa doppelt so viel, wie das gesamte Museum in einem Jahr. Die Ausstellung "Der Regenwald und seine Bewohner" hat in kürzerer Zeit mehr als 45.000 Besucher. Beim Aufsichtspersonal herrscht Euphorie, denn die heiligen Kunsthallen sind meistens leer und die Reste der NWS locken auch kaum jemanden ins Haus.
Es hat also deutliche Verbesserungen gegeben, doch ist der Durchbruch noch nicht gelungen. Denn die NWS ist weder personell, noch räumlich oder finanziell wieder in der Lage, die eigenen Sammlungsbestände optimal zu nutzen. Die Politiker von Stadt und Land sind an dem Thema nur mäßig interessiert. Ein Armutszeugnis für das Land Hessen und die Landeshauptstadt Wiesbaden, die mit einem erstklassigen Museum glänzen könnten. Mittlerweile versucht man noch ein Museum, nämlich für Stadtgeschichte, zu gründen.

4 Nachdenken und Ausblick
Die Naturwissenschaften - und mit ihnen die Geowissenschaften - sind, was ihre Stellung in der Gesellschaft betrifft, in einer Krise. Nicht nur in den Museen. Wir alle wissen das. Das Museum Wiesbaden ist kein Einzelfall. Einige andere Beispiele sind das Überseemuseum Bremen, die Botanischen Sammlungen der Universität Hamburg, das Naumann-Museum Köthen, das Ottoneum Kassel, das Zoologische Museum der Universität Heidelberg und das Museum für Mineralogie und Geologie Dresden oder die geowissenschaftlichen Universitätsinstitute in Gießen und Marburg. Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir weitere Beispiele nennen würden (E-Mail: anderle[at]art-geo.de).
Es gibt aber auch Vorbilder. Ich nenne beispielhaft das Naturkundemuseum Erfurt, das Naturkundemuseum Solothurn in der Schweiz, das Senckenberg-Museum Frankfurt a.M. und das Muséum National d'Histoire Naturelle in Paris. Dort werden die neuen Medien mit spektakulären Ergebnissen genutzt.
Es ist gar keine Frage, ob wir uns naturwissenschaftliche Sammlungen und Ausstellungen leisten können. Wir müssen sie uns leisten. Da Politiker bereits nachlassendes Interesse am Studium naturwissenschaftlicher Fächer beklagen, gibt es auch eine Chance für einen Bewusstseinswandel in der Öffentlichkeit. Im Protokoll von Rio 1992 ist zum Erhalt der Artenvielfalt der Erde aufgerufen. Die Naturkundemuseen sind unersetzliche Archive der Biodiversitätsforschung. Hier sind wir Geowissenschaftler aufgerufen, im eigenen Interesse tätig zu werden. Nutzen wir die Faszination der Millionen Jahre, der Vielfalt der Formen und Funktionen der Fossilien, der umstrittenen Katastrophen und der unüberschaubaren Evolution.
Mittel- und langfristig müssen Geowissenschaften auf die Lehrpläne der Schulen, muß der Kulturbegriff so erweitert werden, dass er nicht nur auf Kunst verengt ist, sondern die Leistungen der Naturwissenschaften einschließt. Stetige Öffentlichkeitsarbeit, ehrenamtliches Engagement in Naturkundemuseen und Naturkundevereinen sind gefragt, damit sich die Situation bessert. Es ist eine Sisyphusarbeit, aber ohne sie geht es nicht. Dazu rufe ich Sie auf!
Dank: Mein Dank für Informationen und Hilfe richtet sich an die Präparatoren in der NWS des Museums Wiesbaden, Erhard Zenker (im Ruhestand) und Fritz Geller-Grimm.

Quellenhinweise:
Zahlreiche Hinweise finden sich in den Berichten über die NWS in den Jahrbüchern des NVN. Weitere Informationen können der Internetseite des NVN www.naturkunde-online.de entnommen werden. Dort kann auch in einem Gesamtregister der Jahrbücher des NVN seit 1844 recherchiert werden.

  • Geisthardt, M. (1985): Die zoologisch-botanischen Sammlungen der Naturwissenschaftlichen Sammlung des Museums Wiesbaden. Ein Rückblick auf die Entwicklung seit 1829.- Jb. nass. Verein Naturkde., 108: 48-62, 1 Abb.; Wiesbaden.
  • Geisthardt, M. (1998): Die Naturwissenschaftliche Sammlung des Museums Wiesbaden in den Jahren 1991 - 1997.- Jb. nass. Verein Naturkde., 119: 131-138; Wiesbaden.
  • Heineck, F. (1931): Das Naturhistorische Museum der Stadt Wiesbaden.- Jb. nass. Ver. Naturkde., 81: 38-55, 13 Abb.; Wiesbaden.
  • Kalheber, H. (1999): Die Botanischen Sammlungen des Museums Wiesbaden.- Jb. nass. Verein Naturkde., 120: 51-74, 9 Abb.; Wiesbaden.
  • Kirnbauer, T. (1997): Die mineralogisch-geowissenschaftlichen Sammlungen im Museum Wiesbaden.- Sammler-Info, 1997: 38-47, 2 Abb.; Haltern (Beil. zu Mineralien-Welt, 8, 2).
  • Mentzel, R. (1989): 160 Jahre Nassauischer Verein für Naturkunde (1. Teil: Verein und Vereinsleitung im 19. Jahrhundert).- Jb. nass. Verein Naturkde., 111: 47-62, 9 Abb.; Wiesbaden.
  • Mentzel, R. (1989): Bericht über die Naturwissenschaftliche Sammlung des Museums Wiesbaden für das Jahr 1988.- Jb. nass. Verein Naturkde., 111: 205-207; Wiesbaden.
  • Thomä, C. (1842): Geschichte des Vereins für Naturkunde im Herzogthum Nassau und des naturhistorischen Museums zu Wiesbaden.- 196 S., 1 Abb.; Wiesbaden.
Anschrift des Verfassers: Hans-Jürgen Anderle, Bremthaler Str. 47, 65207 Wiesbaden, Fon: 06127/61976, E-Mail: anderle[at]art-geo.de

 

 

Inhalt: die genannten Autoren/innen