Nassauischer Verein für Naturkunde: Haussperling - Passer domesticus
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Der Haussperling (Passer domesticus) - Vogel des Jahres 2002

von
HORST BENDER

veröffentlicht in den Mitteilungen Nr. 48

Dem Spatz geht's dreckig

Der Haussperling ist noch immer der am häufigsten in unseren Städten und Dörfern anzutreffende Vogel. Fast jedermann kennt ihn, aber kaum jemand nimmt von diesem gemeinen und allgegenwärtigen Begleiter des Menschen Notiz. Deshalb ist es auch fast unbemerkt geblieben, dass sein Bestand in den letzten Jahren zurückgegangen ist und weiter zurückgeht. Die Spatzen allerdings pfeifen das schon lange von den Dächern, und aufmerksame Beobachter haben es auch längst gemerkt: es geht ihm zunehmend dreckig, dem Dreckspatz. So war es denn an der Zeit, einen Vogel als Warner und Mahner auszuwählen, der zwar nicht gerade schön und nicht einmal selten ist, der uns Menschen aber wie kein anderer klarmachen kann, dass wir uns alle ständig gegen die Natur versündigen. Was jahrhundertelange Verfolgung durch Netze, Fallen, Leim, Gift und Schießprügel nicht vermochten, gelang der modernen Zivilisation in wenigen Jahrzehnten: die Dezimierung eines Vogels, dessen Schicksal spätestens vom Beginn des Getreideanbaus in der Jungsteinzeit an so untrennbar mit dem des Menschen verbunden ist, dass er als Prototyp des Kulturfolgers schlechthin gilt. Und weil das so ist, soll er auf unser artenschutzfeindliches Handeln aufmerksam machen.

Ganze Ausrottungsfeldzüge wurden schon im Mittelalter und bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts gegen diesen vermeintlichen und tatsächlichen Korn-, Speicher- und Felddieb geführt. Die Verluste im Getreideanbau dürften aber nur etwa 1 % betragen haben. Hinzu kommen allerdings noch die Schäden - bei massenhaftem Auftreten - im Garten- und Obstbau, z.B. als Erbsen- und Kirschendieb. Seine Bekämpfung galt als nationale Aufgabe und wurde von jeder Art von Obrigkeit eingefordert. Selbst einen Kirchenbann musste der verhasste Schädling im 16. Jahrhundert über sich ergehen lassen. Trotzdem nahm die Zahl der Spatzen nie wirklich ab. Mit zwei bis vier Bruten im Jahr erwies sich der sehr anpassungsfähige Vogel als äußerst fruchtbar und lebenstüchtig. Die traditionelle kleinbäuerliche Landwirtschaft vor der Mähdrescherzeit bescherte den Sperlingen immer einen reich gedeckten Tisch, angefangen von den Ähren auf dem Halm, den ausgefallenen Körnern auf dem Acker und dem Dreschplatz bis zu den Getreidespeichern, den Futtertrögen freilaufender Hühner und den Pferdeäpfeln auf der Straße. Das meiste davon gibt es aber praktisch nicht mehr, und seitdem ist Schmalhans Küchenmeister im Spatzenreich. Nur: die Rolle als Hungerkünstler schmeckt dem Sperling einfach nicht, und somit ist er gezwungen, das für ihn lebensfeindliche Feld zu räumen.

Nahrungsmangel und Wohnungsnot

Auf der Suche nach Ersatzlebensräumen entdeckte er z.B. gastronomische Betriebe mit Freisitz, Bratwurstbuden und Schulhöfe als Futterquelle. Hier sucht er im wahrsten Sinne des Wortes zwischen den Tischen und zwischen den Pausen in den Krümeln. Er hat dabei schnell gelernt, dass ihm hier von Seiten des Menschen keine Gefahr droht. Im Gegenteil: seine possierlichen und unerschrockenen Hüpfkaskaden mitten in dem Gewirr von Menschen-, Tisch- und Stuhlbeinen erfreut und amüsiert sogar die Gäste, vor allem natürlich die Kinder, womit er auf seine Weise nicht nur zur Unterhaltung, sondern auch zum Naturerleben und zum Verständnis für Artenschutz beiträgt.

Noch schlimmer als mit der Nahrung steht es um seine Behausung. Wo gibt es noch Löcher in Gebäuden, in die der Vogel seine Gras- und Strohhalme eintragen kann? Wir Menschen lieben aber die Ordnung und können es uns ja leisten, unsere Häuser rundum sauber und dicht zu halten. Mit jeder Dach- und Fassadenrenovierung gehen aber die Nistplätze unter den Ziegeln und Dachvorsprüngen verloren. Auch Schwalben, Rotschwänze, Bachstelzen und Mauersegler können ein diesbezügliches Klagelied singen. Gott sei Dank gibt es aber noch einige mitfühlende Zeitgenossen, die unseren lebenslustigen Sperlingen Nistkästen aufhängen und somit aus der ärgsten Wohnungsnot heraushelfen. Allerdings können Nisthilfen dem Sperling verloren gegangene Gebäudenischen nicht gleichwertig ersetzen.

Eine Zählung im Hamburger Stadtteil St. Georg hat ergeben, dass die Zahl der Haussperlinge zwischen 1983 und '87 von 490 auf 80 Vögel pro Quadratkilometer zurückgegangen ist. Ähnliches haben Ornithologen in London festgestellt: In dem etwa einen Quadratkilometer großen Park Kensington Gardens wurden 1975 noch 486 brütende Haussperlinge gezählt, 1995 waren es noch 72 Vögel. Heute schätzt man die Zahl der Haussperlinge in Hamburg auf etwa 29.000 und in Berlin sogar auf 170.000 Brutpaare. In Deutschland leben schätzungsweise dreieinhalb bis fünf Millionen Haussperlinge.

Stiefkind der Wissenschaft

Apropos Dreckspatz: diesen wenig schmeichelhaften Beinamen hat er dem Umstand zu verdanken, dass er bei jeder sich bietenden Gelegenheit ein Staubbad nimmt. Das tut er aber nicht um sich zu beschmutzen, sondern um sich lästiger Parasiten zu entledigen. Er betreibt damit also regelrechte Gefieder- und Körperpflege wie viele andere Vogelarten übrigens auch. Wenn z. B. Hühner im Staub baden, dann nimmt an diesem Verhalten kein Mensch Anstoß. Und nur weil der Haussperling so ein hundsgemeines und verhasstes Geschöpf war, konnten sich eine Reihe von Vorurteilen bilden. Es soll nur der Vollständigkeit halber noch erwähnt werden, dass er natürlich genau so gerne auch in Pfützen badet wie andere Vogelarten. Selbst die Wissenschaft hat diesen durchaus possierlichen Vogel lange Zeit links liegen gelassen. Heute wissen wir, dass Sperlingsehen sehr dauerhaft sein können. Die Kopulationsfreudigkeit war den Menschen offenbar aber auch immer ein Dorn im Auge, denn in diesem Zusammenhang wurde gern von 'Verschwendung' und 'allzu viel ist ungesund' gesprochen, und sittenstrengen Zeitgenossen galt er sogar als ein Sinnbild der Unkeuschheit. Dabei treiben sie es auch nicht öfter als andere Vogelarten, machen aber jedesmal viel Aufhebens davon. Außerdem steckt ein biologischer Sinn dahinter: das Männchen beugt damit möglichen Seitensprüngen seines Weibchens vor.

Spatzenverwandtschaft

Den Namen Dreckspatz kann man allenfalls noch für den liederlichen Nestbau gelten lassen. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man aber hierin die nähere Verwandtschft zu den afrikanischen Webervögeln. Der Haussperling ist ein Singvogel aus der Gruppe der Sperlinge, zu der weltweit 36 Arten gehören. In Deutschland leben mit dem Feldsperling und dem Schneefink nur zwei Verwandte. Letzterer, der in hochalpinen Regionen zu Hause ist, wird neuerdings nur noch als 'Schneesperling' bezeichnet. Während sich beim Feldsperling die Geschlechter gleichen, unterscheiden sie sich beim Haussperling deutlich. Das Männchen trägt - im Gegensatz zum Feldsperling - einen aschgrauen Scheitel, kastanienbraune Streifen an den Kopfseiten und einen größeren schwarzen Brustlatz. Die Größe dieses Brustlatzes stellt während der Brutzeit ein Indiz für den Grad der Dominanz unter den Nebenbuhlern bei der Werbung um die Gunst der Weibchen dar. Diese sind insgesamt unscheinbarer und farbloser gezeichnet.

Schon knapp außerhalb der südlichen Grenzen Deutschlands wird es mit der Zuordnung der unterschiedlich gezeichneten Sperlingsrassen außerordentlich schwierig. Da gibt es einerseits den in Süditalien, Spanien und auf Korsika als eigene Art feststehenden Weidensperling mit starker schwarzer Streifung an den Flanken, andererseits den nicht eindeutig zuzuordnenden weißwangigen Italiensperling oder italienischen Weidensperling und zwischen beiden alle denkbaren Übergänge. Wahrscheinlich ist hier die Rassen- und Artbildung noch in vollem Gange. Ein Hauptproblem wird vor allem in dem unregelmäßigen und komplizierten Verbreitungsbild des Weidensperlings gesehen. So stellt sich das gemeine Spatzenvolk wissenschaftlich-nomenklatorisch gesehen als eine Herausforderung besonderer Art dar.

Mutig, erfinderisch und lernfähig

Das gemeine Spatzenvolk indes stört das wenig. Wenn auch die Großschwärme aus den Getreidefeldern und -lagern der Vergangenheit angehören, auch bei kleineren Ansammlungen lässt sich das typische Sozialverhalten dieser Spezies gut studieren: alles was gemacht wird, geschieht gemeinsam, die Nutzung von Nahrungsquellen, das Baden in Staub, Wasser und Sonne, die fast ohrenbetäubend lauten Vollversammlungen in dichten Hecken und Verstecken, wobei alle um die Wette zu tschilpen scheinen, und sogar das Brüten in Kolonien, wenn sich geeignete Plätze wie z. B. begrünte Hauswände anbieten.

Über den Charakter des Sperlings war man früher durchaus ungeteilter Meinung. Er galt meist als frech, lästig und lustig, angepasst und durchsetzungsfähig und hatte eine Vorliebe für Bandenbildung. Dieses unerzogene Gehabe nebst seinem wenig anziehenden Äußeren einschließlich des dicken Kopfes stempelte ihn zu den 'Proletariern' unter den Vögeln. Sympathie hegte daher kaum jemand für diesen Hans Dampf in allen Gassen. Erst die objektive Wissenschaft entdeckte ganz andere und auch positive Seiten an diesem Allerweltsvogel. Sperlinge sind mutig, erfinderisch und lernfähig. Um z. B. an Nahrungsquellen in geschlossenen Räumen heranzukommen, nutzen sie nicht nur kleinste Öffnungen und Ritze; sie können sogar mit Photosensoren ausgestattete Türen öffnen. All dies gelang Angehörigen anderer Vogelarten bisher nie. Die Zeiten, in denen man Nutzen und Schaden einer Vogelart in Prozentwerten einander gegenüber stellte, sind Gott sei Dank vorbei. Jedes Lebewesen hat eine Daseinsberechtigung um seiner selbst willen. Das Beispiel Haussperling soll uns aber vor Augen führen, dass wir uns immer weiter von der Natur entfernen. Die Parole kann daher nur lauten: Mehr Platz für den Spatz. Auch anderen Tier- und Vogelarten, die auf uns Menschen angewiesen sind, ginge es dann viel besser. Und was zum Schutz des Haussperlings unternommen wird, kommt Mensch und Natur zugute.

Literatur

  • BERGMANN, H.-J. (2002): Der Haussperling - Vogel des Jahres 2002. - Der Falke: 1/02: 4 - 9; Wiebelsheim.
  • KIEFER, A. u.a. (2002): Mehr Platz für den Spatz. - Naturschutz heute: 1/02: 8 - 12; Bonn.
  • HORMANN, M. (2001): Haussperling - Vogel des Jahres 2002. - Flieg und Flatter, 8/01; Staatl. Vogelschutzwarte Frankfurt.
HORST BENDER, Lärchenweg 10, 65510 Idstein

 

Die drei Spatzen

In einem leeren Haselstrauch
da sitzen drei Spatzen Bauch an Bauch.
Der Erich rechts und links der Franz
und mitten drin der freche Hans.

Sie haben die Augen zu, ganz zu,
und obendrüber da schneit es, hu!

Sie rücken zusammen dicht an dicht.
So warm wie der Hans hat's niemand nicht.

Sie hör'n alle drei ihrer Herzlein Gepoch.
Und wenn sie nicht weg sind, so sitzen sie noch.

CHRISTIAN MORGENSTERN

 

 

 

Inhalt: die genannten Autoren/innen
Layout: F. Geller-Grimm