Nassauischer Verein für Naturkunde: Der Waschbär - ein Neuling erobert die Alte Welt
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Der Waschbär - ein Neuling erobert die Alte Welt

von
OLAF GODMANN

veröffentlicht in den Mitteilungen Nr. 48

Waschbär Am 24. Juli 1939 erlegte Herr ENDRES einen männlichen Waschbären in Niederwalluf. Der Waidmann war sich bewusst, dass er ein nicht ganz alltägliches Tier geschossen hatte. Deshalb gab er das Tier im Museum Wiesbaden in die Sammlung, wo es heute noch von Interessierten im Magazin in Augenschein genommen werden kann. Solche einzelnen Belege sind von großem Interesse, da sie doch Hinweise geben über die Anfänge einer echten Erfolgsgeschichte - die Besiedlung Europas durch den Waschbären. Woher dieser einzelne Waschbär stammte, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Vielleicht war er ein entflohener Spielgefährte eines Waschbärbegeisterten, der von dem damals noch sehr exotischen Tier angezogen war. Oder das Tier entkam einem der Züchter, der das Ziel hatte den wertvollen Pelz auch in Deutschland "herzustellen", da sich die Pelze des Kleinbären glänzend verkauften und die Einnahmen der amerikanischen Pelzindustrie enorm waren. Sicher ist heute, dass die Erfolgsgeschichte des Waschbären eine ihrer Wiegen in Nordhessen, genauer gesagt am Edersee, hatte. Hier siedelte ein Forstmeister 1934 zwei Waschbärpärchen an, um "die einheimische Fauna zu bereichern".

Der Waschbär gehört zur Ordnung Raubtiere und zur Familie der Kleinbären. Dieser Familie gehören u.a. auch die Nasenbären und die Wickelbären an. Mit wissenschaftlichen Namen heißt der Waschbär: Procyon lotor, was übersetzt werden kann mit waschender Vorhund. Dieser Name trägt, wie das auch bei vielen anderen Tierarten auch der Fall ist, eher zur Verwirrung bei. Er ist keineswegs der Vorfahr des Hundes und dass er seine Nahrung vorher wäscht, ist auf Beobachtungen zurückzuführen, die ausschließlich bei in Käfigen gehaltenen Tieren gemacht werden können. Diese Tiere versuchen vermutlich, das Bedürfnis, ihre Nahrung im Wasser zu suchen, hierdurch zu kompensieren.

Der Waschbär ist ein echter "Allesfresser", d.h. er ist je nach Jahreszeit bereit die unterschiedlichsten Nahrungsressourcen zu nutzen. Auf seinem Speiseplan stehen Beeren, Getreide, Obst, Insekten, Schnecken, Fisch, Würmer und vieles mehr. Besonders ist er auf die Nahrungsaufnahme in Gewässern spezialisiert. Seine Vorderpfoten sind mit einem extrem gut ausgebildeten Tastsinn ausgestattet und haben eine ungewöhnlich gute Beweglichkeit. Mit diesem "Spezialwerkzeug" ausgestattet, können die Tiere den nahrungsreichen Grund von Bächen optimal nach Nahrung abtasten.

In freier Natur werden Waschbären selten mehr als 10 Jahre alt, obwohl der Altersrekord bei einem Tier in Gefangenschaft von 22 Jahren belegt ist. Als Todesursachen sind neben der Bejagung, insbesondere Verluste durch den Straßenverkehr zu nennen. Ausgleichen können das die Tiere durch die Geburt von einem, manchmal zwei Würfen im Jahr von 2-4 Jungtieren. Die Hauptgeburtszeit ist der April, doch sind durch den zweiten Wurf Geburten bis in den August möglich. Die Jungen verlassen die Geburtshöhle gegen Ende des 2. Lebensmonats das erste mal und werden nach dem 3. Monat entwöhnt. Trotzdem reißt die Verbindung zwischen einer Mutter und ihrem Nachwuchs nicht ab, und der Familienverband bleibt bis in den Herbst hinein zusammen.

Der ursprüngliche "Amerikaner" ist heute in weiten Teilen Europas verbreitet. Der Gesamtbestand der Tiere wird allein in Deutschland auf einige Hunderttausend geschätzt. Da bleibt es natürlich nicht aus, dass so manche Waschbären bis weit in die menschlichen Siedlungen "eindringen". Normalerweise bevorzugt er gewässerreiche Laubmischwälder, insbesondere Eichen- und Auenwälder. Buchenwälder sind eher ungeeignet, da die Tiere Schwierigkeiten haben, die glatte Rinde emporzuklettern. Besonders beliebte Ruheplätzen in Bäumen sind gut an den Kratzspuren im Stammbereich zu erkennen. Die Spuren, die Waschbären beim Auf- und Absteigen hinterlassen, sind schräg angeordnete Ritze in der Rinde, oft sind zwei oder drei Kratzer parallel nebeneinander vorhanden. Daneben finden sich immer häufiger Waschbären, die direkt bis in die Häuser unserer Siedlungen eindringen. So werden Dachräume als festes Schlafquartier genutzt und sogar das Innere von Schornsteinen, scheint eine besondere Anziehungskraft für die Tiere zu besitzen. Somit sind natürlich Konflikte vorprogrammiert und schnell ist das Wort einer Waschbärplage im Umlauf. Doch es gibt auch die andere Seite. Viele Menschen freuen sich über einen nächtlichen Besuch der possierlichen Kleinbären und versuchen sogar durch gezielte Fütterung, die Tiere im Bereich des Grundstückes zu halten. Tatsache ist heute, dass der Waschbär sich in Deutschland als erfolgreiches Faunenelement fest etabliert hat. Weitere Forschungen werden zeigen, ob dieser Siegeszug weiterhin anhält.

Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Ihre Beobachtungen von Waschbären melden! Besonders interessieren uns direkte Begegnungen mit Tieren. Sei es ein direkt lebend beobachtetes Tier oder geschossene Tiere. Bitte senden Sie Ihre Beobachtung an den Verfasser.

Buchtipp

Ein wunderschönes Buch über den Waschbären ist im Oertel + Spörer Verlag erschienen. Der Biologe und Jäger ULF HOHMANN erforschte im Rahmen seiner Doktorarbeit das heimliche Leben der Tiere und schrieb eine faszinierende Monographie, die viele neue und spannende Erkenntnisse wiedergibt. Er vergisst aber auch nicht, über die heiteren Seiten der langjährigen Freilandarbeit zu berichten. Wunderschön bebildert ist das Buch durch den Tierfotographen INGO BARTUSSEK, der den Biologen bei seinen Forschungen begleitete und selber zwanzig Waschbärkinder mit der Hand aufzog (ISBN: 3-88627-301-6, Verkaufspreis: 24,90 Euro).

Veranstaltungstipp

Am 13. September 2002 wird Herr Dr. HOHMANN im Rahmen unserer Sommerprogramms über das Leben des Waschbären berichten. Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr am Gehege der Waschbären in der Fasanerie Wiesbaden mit der Fütterung der dort gehaltenen Tiere. Anschließend wird im Seminargebäude der Fasanerie ein Diavortrag gezeigt. Es besteht die Möglichkeit, den um 19 Uhr abfahrenden ESWE Bus zu erreichen.

OLAF GODMANN

 

 

 

Inhalt: die genannten Autoren/innen
Layout: F. Geller-Grimm